„Nicht anstrengen, jemand anders zu sein“

Freundschaft von zwei Seiten // Françoise Ferreux und Susanne Janssen

Françoise Ferreux und Susanne Janssen kennen sich seit sechs Jahren. Beide sind Künstlerinnen: Françoise erschafft aus Leinenfäden Skulpturen; Susanne entwirft Bildwelten als Malerin und Buchillustratorin. Beide leben im Elsass. 1965 in Aachen geboren und im Ruhrgebiet aufgewachsen, zog Susanne vor 27 Jahren nach Guebwiller. Françoise, 1961 in Belfort geboren, ist seit 30 Jahren im Elsass zuhause, derzeit in Aspach près d’Altkirch. Erstmals begegnet sind sie sich bei einer Ausstellung von Françoise. Die Kunst, sagen sie, ermöglicht es ihnen, besser zu verstehen, was die andere innerlich bewegt.

Über Freundschaft

Susanne: Wenn ich mich nicht anstrengen muss, jemand anders zu sein. Mit einer Freundin kann ich lachen, auch über mich selbst.

Françoise: Freundschaft ist für mich Vertrauen, das unbedingte Interesse am Gegenüber. Und der tiefe Wunsch, die Freundin immer wieder zu sehen.

Über Anfänge

Susanne: Ein Anfang bedeutet für mich immer die größte Freiheit. Egal, ob ich ein Thema neu kennenlerne oder ob es um eine neue Beziehung geht. Ich weiß nicht, was da wächst. Wie Hesse sagt: Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.

Françoise: Zu Beginn ist da eine Art von Geheimnis, das ich entdecken darf. Das meine Neugierde beflügelt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es immer etwas gibt, das ich neu lernen kann.

Über Sprache

Susanne: Die zwei Sprachen haben mir gezeigt, wie Sprache auf die Persönlichkeit abfärbt. Ob ich deutsch spreche oder französisch: Ich bin jeweils ein wenig anders, und auch der Klang meiner Stimme variiert. Das Deutsche ist direkter, das Französische birgt mehr Leichtigkeit.

Françoise: Es ist wichtig, offen zu sein für eine neue Sprache – sonst würde ich manche Freundschaften gar nicht vertiefen können. Dass Susanne Deutsche ist, zieht mich sehr an. Es gab immer wieder Menschen aus Deutschland in meinem Leben, die wichtig waren. Deshalb fühle ich mich dem Land sehr verbunden.

Über Vorurteile

Susanne: Ich wundere mich manchmal über meine eigenen Vorurteile Menschen und Situationen gegenüber. Meist erweisen sie sich als unbegründet. Sind sie nicht immer ein Zeichen von Unwissenheit? Jedenfalls kenne ich niemanden, der ohne Vorurteile ist.

Françoise: Ich liebe es, Menschen zu entdecken, die mich umgeben. Sie bieten mir die Chance, Vorurteile zu überwinden. Und das empfinde ich als befreiend.

Über Unterschiede

Susanne: Wir Deutschen neigen eher zu Ernsthaftigkeit und Schwere. Es fehlt oft ein wenig an Charme im Umgang miteinander. Die Franzosen nehme ich als leichter und spielerischer wahr. Sehr viel zuvorkommender in alltäglichen Lebenssituationen.

Françoise: Unterschiede erzählen viel über die menschliche Natur. Sie ergänzen sich, wie in der Farbenlehre. Unterschiede haben ihren Platz und ihre Berechtigung, weil sie ein ausgewogenes Miteinander schaffen.

Über Sehnsucht

Susanne: Ein typisch deutsches Wort, für das es keine richtige Übersetzung ins Französische gibt. Vielleicht ist es auch ein deutsches Gefühl? Der tiefe Wunsch nach sich selbst.

Françoise: Der Sinn, den ich mit diesem sehr deutschen Wort verbinde, löst in mir nur Traurigkeit aus …

Über Fremdheit

Susanne: Ich fühle mich weder hier zu Hause noch würde ich zurückgehen wollen nach Deutschland. Es ist wie ein Leben in der Schwebe, zwischen zwei Stühlen. Das ist kein schlechtes Gefühl. Ich glaube, ich habe keine Heimat, aber ich bin verwurzelt. In meiner Familie und in meiner Kunst.

Françoise: Ich habe immer in Frankreich gelebt, also Fremdheit nicht wirklich erlebt. Mein Mitgefühl gilt den Menschen, die ihr Land unter Zwang verlassen mussten und entwurzelt sind.

Über Kunst

Susanne: Käthe Kollwitz hat in ihrem Tagebuch notiert, dass sie erst bei der Arbeit lebendig und bewusst sei. „Dann ist mir das Leben ein Glück“, so hat sie es formuliert. Und genauso geht es mir, wenn ich zeichne, male, mich vertiefe. Oder wenn ich Werke von anderen Künstlern anschaue.

Françoise: Ich empfinde mich als Künstlerin hundertprozentig an dem Platz, den mir das Leben zugewiesen hat. Kunst hilft mir, in Balance zu sein, und ich bin sehr dankbar dafür, diesen Beruf ausüben zu können.

Protokoll: Iris Hobler Fotos: Wilma Leskowitsch und Fabian Fiechter