Vor dem nächsten Vulkanausbruch

Warum in Frankreich so oft der Volkszorn hochkocht – ein Erklärungsversuch

Von Axel Veiel

Zu Tausenden ziehen die Zornigen die Champs-Élysées hinab, schlagen Schneisen der Zerstörung. Der mit Gittern geschützte, Luxustempel Louis Vuitton hält dem Ansturm der Randalierer stand, der davorstehende Zeitungskiosk nicht. Der Mob dringt ein, legt Feuer.

Aus dem benachbarten Nobelrestaurant Fouquet’s schlagen Flammen. Vermummte Gestalten sitzen davor, blicken in die Feuersbrunst, schlürfen Champagner. Bevor sie das Lokal anzündeten, hatten sie es geplündert, Mobiliar und Getränke nach draußen geschafft.

Straßenkampfgefährten graben Pflastersteine aus, schlagen Parkschein- und Bankautomaten zu Bruch, zertrümmern die Schaufenster von Nespresso, Hugo Boss, Lacoste und Nike. Selbst die Panzerglasvitrinen des Juweliers Bulgari bersten unter den Schlägen. Nichts findet Gnade, nichts wird verschont, auch nicht die entlang der Prachtstraße aufgestellten Sitzbänke. Wo sie zum Verweilen einluden, ragen Eisenstümpfe empor.

Von Demonstranten gelegtes Feuer auf den Champs-Élysées
Schlachtfeld Champs-Élysées: Der Staat steht auf verlorenem Posten

Bilder des Volkszorns sind das, die sich tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben haben. Zumal die Woge der Zerstörung, die am 16. März 2019 über Paris hereinbrach, unerwartet kam. Auch der Präsident hatte mit ihr nicht gerechnet. Emmanuel Macron war am Vorabend zum Skifahren in die Pyrenäen geflogen. Während sich vor den Augen überforderter Sicherheitskräfte bürgerkriegsähnliche Szenen abspielten, wedelte der Staatschef die Hänge von Mongie hinab.

Die im November 2018 losgebrochene Revolte der Gelbwesten schien vier Monate später schließlich eingedämmt. Samstag für Samstag waren weniger Demonstranten aufmarschiert. Macron hatte sich dem Druck der Straße gebeugt, sozialpolitisch nachgebessert, den Ruf nach Mitsprache des Volkes erhört. Der Präsident nahm die Erhöhung der Kraftstoffsteuer zurück, an der sich der Konflikt mit den Gelbwesten entzündet hatte. Er stellte zehn Milliarden Euro bereit, die Geringverdienern und Rentnern zugutekommen. Und er bat zur großen Debatte. Bei landesweit mehr als 10.000 Versammlungen haben die Franzosen Missstände benannt, Wünsche geäußert.

Und so waren zuletzt nur noch Unversöhnliche auf die Straße gegangen: Gelbwesten, die den Rücktritt des Staatschefs forderten und die Auflösung des Parlaments, Randalierer des „Schwarzen Blocks“, denen der Sinn allein nach Zerstörung stand.

Selbst Hervé Hamon war von der zerstörerischen Wucht des Volkszorns überrascht worden. Dabei kennt der 72-jährige Schriftsteller Frankreichs Protestkultur wie kaum ein anderer. Er hat sie politisch, soziologisch und historisch eingeordnet, sich ihr als Romancier und Erzähler genähert. Aus eigener Erfahrung weiß er, wie sich Straßenkämpfe anfühlen. Bei den Pariser Mai-Unruhen war er 1968 selbst auf die Barrikaden gegangen.

Der Volkszorn explodiert fast immer unerwartet

Hamons Verwunderung über die Verheerungen auf den Champs-Élysées hat indes nicht lange angehalten. Die Revolte vom 16. März fügt sich für ihn im Rückblick nahtlos in die an Revolten so reiche französische Geschichte. „Der Volkszorn explodiert in Frankreich fast immer unerwartet“, sagt er. „Das Überraschungsmoment gehört zu unserer Protestkultur.“ Sich spontan gegen die Mächtigen zu erheben, sei in den Genen der Franzosen angelegt, ein Erbe der Revolution von 1789 und der sich anschließenden Volksaufstände: der Rebellionen gegen König Karl X. (1830), gegen seinen Nachfolger Louis-Philippe (1848) und schließlich gegen eine Paris drangsalierende, monarchistisch ausgerichtete Regierung (1871). Frankreich sei ein Vulkan, dessen Eruptionen kaum vorherzusagen seien.

Schriftsteller Hervé Hamon
„Es war wie bei so vielen Revolten. Das Überraschungsmoment gehört zu unserer Protestkultur.“ Schriftststeller Hervé Hamon

So schwer zu ermitteln ist, wann der Volkszorn das nächste Mal hochkocht – was ihn befeuert, ist bekannt. Die Motive ähneln sich. „Soziale Ungleichheit, Unfreiheit, das Gefühl, dass den Herrschern die Nöte des Volkes gleichgültig sind“, so fasst der Schriftsteller zusammen, was die Franzosen immer wieder auf die Barrikaden gehen lässt.

Präsident mit der Macht eines Monarchen

Und nach wie vor gilt: Wer soll dem Herrscher Grenzen setzen, wenn nicht das Volk? Die Verfassung der Fünften Republik hat den Präsidenten mit der Machtvollkommenheit eines Monarchen ausgestattet. Weder von der Regierung noch vom Parlament hat er Widerstand zu befürchten. Der Staatschef entscheidet über Ernennung oder Entlassung des Premiers. Im Anschluss an die Präsidentschaftswahlen anberaumte Parlamentswahlen sorgen dafür, dass die Franzosen den als Hoffnungsträger in den Élysée-Palast Entsandten in der Nationalversammlung mit absoluter Mehrheit ausstatten. Freie Hand soll er haben, um seine Wahlkampfversprechen einzulösen.

Ganz anders sieht es da in Deutschland aus. Ständig stößt die Bundeskanzlerin dort an Grenzen. Angela Merkel hat auf die Partei Rücksicht zu nehmen, auf den Koalitionspartner, auf eigenwillige Minister, auf die Länder. Eine stete Kompromiss- und Konsenssuche ist die Folge. In Frankreich muss der Präsident nur eines fürchten: die Kraftprobe mit dem Volk.

Aus Sicht des Historikers Denis Peschanski hat das Duell zwischen Volk und Präsident in den vergangenen Jahren noch an Brisanz gewonnen. Der unweit der Pariser Sorbonne-Universität für das Nationale Zentrum für Wissenschaftliche Forschung (CNRS) arbeitende Franzose hat einen „erschreckenden Zerfall der Gesellschaft“ ausgemacht. Was sie zusammengehalten habe, sei weitgehend verschwunden, sagt er. Ob Volksparteien, Gewerkschaften oder Kirchen, alle seien sie gesellschaftlich an den Rand geraten. Ein heillos zersplittertes, in Grüppchen zerfallendes Volk und der Präsident stünden einander ohne Vermittler gegenüber.

Macron hat es so gewollt. Als Jupiter sah er sich nach seiner Wahl, als himmlischen Alleinherrscher, der die klassischen Volksparteien erfolgreich an den Rand gedrängt hatte. Mit Gewerkschaften oder Hilfsorganisationen verfuhr er anschließend ähnlich. Und so trifft der Zorn der Unzufriedenen Macron nun ganz allein. Wie zu Zeiten Ludwigs XVI. erschallt der Ruf nach der Guillotine.

Der Glaube an die Kraft der Revolte bröckelt

Eine Entwicklung ist das, die nicht nur Peschanski Sorgen macht. Erste Stimmen werden laut, wonach Frankreichs Protestkultur der Erneuerung bedarf, Konfrontation allein keinen gesellschaftlichen Fortschritt mehr bringt.

Ingrid Levavasseur hängt dieser Meinung an. Das Aushängeschild der Gelbwesten war sie gewesen. Unbekümmert pflegte die 31-Jährige vor Kameras und Mikrofone zu treten. Entwaffnend ehrlich gab sie Einblick in ihre Nöte als alleinerziehende Mutter zweier Töchter und miserabel bezahlte Krankenpflegerin. Und wenn die Frau mit dem flammend roten Haar anschließend in kämpferischem Ton Forderungen erhob, etwa eine Mehrwertsteuerbefreiung für Grundnahrungsmittel verlangte, applaudierten nicht nur Gelbwesten.

Aber dann kamen ihr eben Zweifel, ob die zunehmend von Gewaltexzessen überschatteten Kundgebungen zum Ziel führen würden. Sie sann auf Alternativen, glaubte einen Ausweg gefunden zu haben. Für die Europawahlen wollte sie kandidieren, eine Gelbwesten-Liste anführen. Den geballten Hass ehemaliger Mitstreiter trug ihr das ein. Als „vom System korrumpierte Verräterin“ wurde sie beschimpft, mit Drohungen und sexistischen Beleidigungen überhäuft.

Ingrid Levasseur, Krankenpflegerin und bis vor Kurzem das Gesicht der Gelbwesten
„Ich gehe zu den Gelbwestendemos nicht mehr hin.“ Ingrid Levasseur, Krankenpflegerin und bis vor Kurzem das Gesicht der Gelbwesten

Nach dem Zerstörungsfeldzug auf den Champs-Élysées hat Levavasseur die Konsequenzen gezogen. „Ich gehe zu den Gelbwesten-Demos nicht mehr hin“, sagt sie. In ihrer Stimme schwingt Ratlosigkeit mit. Die Frage, wie sie künftig für sozialen Fortschritt streiten werde, bleibt unbeantwortet. Aber dass es so nicht weitergehen kann mit der Revolte, da ist sie sich ganz sicher.

Selbst Philippe Martinez scheint von Zweifeln befallen. Dabei steht der Chef des kämpferischsten französischen Gewerkschaftsverbands CGT im Ruf eines Hardliners. Von Macron ignoriert, von den Gelbwesten als Aushängeschild einer volksfernen Institution verschmäht, sinnt der Anführer der ehemals kommunistischen CGT auf Alternativen zum klassischen Protestritual. „Wir müssen konstruktiver sein, Projekte entwickeln, Vertrauen schaffen, in die Betriebe gehen“, sagt er. Ein Che-Guevara-Poster erinnert daran, dass in diesem Büro einst lustvoll revolutionäre Pläne geschmiedet wurden.

Der Filmemacher und Umweltschützer Cyril Dion hat den Glauben an die verändernde Kraft von Protestkundgebungen ganz verloren. Gewaltsamen Protest hält er für kontraproduktiv. Ein „Kleines Handbuch zum zeitgemäßen Widerstand“ hat er verfasst. Dion zeigt sich überzeugt, dass Fortschritt zumal im Umweltschutz nur durch einen breiten Bewusstseinswandel zu erzielen sei. Um ihn herbeizuführen, gebe es nur den einen, langen, beschwerlichen Weg: Allseits müssten Menschen mit gutem Beispiel vorangehen, laut und deutlich verkünden, was sie tun und warum sie es tun.

Sollten die Tage französischer Protestkultur also gezählt sein? Hamon zuckt mit den Achseln: „Schwer einzuschätzen“, sagt er. „Frankreichs Revolten sind nun einmal unberechenbar.“

Er selbst bereitet sich innerlich auf eine „neue Résistance“ vor. Hamon befürchtet, die Rechtspopulistin Marine Le Pen werde bei den Präsidentschaftswahlen 2022 das Kräftemessen mit Macron für sich entscheiden. In der hoffnungslos fragmentierten französischen Gesellschaft, in der jede Gruppe nicht mehr das große Ganze im Blick habe, sondern nur noch den eigenen Vorteil, könne Macron nur auf breiter Front enttäuschen, glaubt der Schriftsteller. Wenn Le Pen in den Élysée-Palast einziehe, werde er sich dem Widerstand anschließen.

In einem Café an der Pariser Place de la République sitzt er, wo so mancher Volksaufstand seinen Anfang nahm. Zerzaustes Haar, Dreitagebart und der von einer Chilereise gebräunte Teint verleihen Hamon Abenteurerflair. Während er von neuerlicher Résistance spricht, weicht der eben noch ernste Gesichtsausdruck einem Lächeln. Ein trotzig-melancholisches Lächeln ist es. Kein Zweifel. Wenn es gegen Le Pen gehen sollte, ist mit diesem Mann zu rechnen.