„Wie Schwestern füreinander“

Freundschaft von zwei Seiten // Philine Sauvageot und Géraldine Baron

Philine Sauvageot, 30, und Géraldine Baron, 26, sind „wie Schwestern füreinander“, sagen sie. Sauvageot ist Radiomoderatorin, sie lebt in Freiburg. Baron arbeitet in Straßburg für die Organisation „Familangues“, die sich um mehrsprachige Kinder und Jugendliche kümmert.

Über Freundschaft

Géraldine: Philine ist eine Powerfrau. Es klingt abgedroschen, aber es ist jedes Mal so, als hätten wir uns erst gestern gesehen, wenn wir uns heute in Freiburg, Straßburg oder Brüssel treffen. Das Besondere an unserer Freundschaft: Philine ist wie ich interkulturell und mehrsprachig aufgewachsen. Sie hat lange in Frankreich gelebt, ich in Deutschland. Wenn wir uns unterhalten, ist es ein Mischmasch: Wir wechseln manchmal mitten im Satz von Deutsch zu Französisch.

Philine: Ich liebe diese französische Leichtigkeit, „savoir vivre“: sich Zeit nehmen für Geselligkeit, stundenlanges Zusammensitzen beim Essen. Diese Geselligkeit hat auch Gégé, wie ich Géraldine nenne, bei uns kultiviert. Wir haben uns von September 2016 bis Januar 2018  eine winzige Wohnung in Straßburg geteilt. Fast jeden Tag war sie voll mit Freunden und Bekannten, wir haben groß aufgetischt und uns bis in die späten Stunden unterhalten. Es war eine sehr intensive Zeit, in der wir eng zusammengewachsen sind.

Über Sprache

Philine: Wenn ich durch Freiburg laufe, fällt mir auf, wie viele Franzosen und Schweizer unterwegs sind und wie schnell wir zwischen den Sprachen wechseln. Ich hatte Französisch seit der 5. Klasse, unser Unterricht war bilingual. Nach dem Abi bin ich von Köln nach Angoulême im Westen Frankreichs gezogen, habe später in Paris studiert. Wenn ich länger in Frankreich bin, beginne ich wieder, Französisch zu denken und zu träumen. Es ist wie eine Muttersprache für mich geworden.

Géraldine: Ich bin in der Nähe von Paris aufgewachsen. Als ich mit 13 Jahren nach Karlsruhe kam, konnte ich nur ein paar Brocken sprechen. Nachbarn haben unsere Familie zu Kaffee und Kuchen eingeladen – trotz der Sprachbarriere. Mit den Freundschaften kam die Sprache – und mit dem Fernsehen. Abends habe ich immer „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ geschaut: Das war das erste, was ich wirklich verstanden habe. Heute ist Heimat für mich auf beiden Seiten des Rheins.

Über Verbindung

Géraldine: Philine ist ein Vorbild für mich. Nicht nur, weil sie ein paar Jahre älter ist, sondern auch weil sie so unabhängig ist, so viele Dinge macht. Sie ist die einzige DJ die ich kenne, kennt sich super mit Musik aus und hat eine sehr offene Art zu denken. Ich glaube, wir sind beide extrem neugierig und haben viel Respekt voreinander.

Philine: Wir sind uns relativ ähnlich, was die Sicht auf das Leben, die Welt anbelangt.

Zeit und Leben in Deutschland fliegen oft davon – und Familie und Freunde müssen Verständnis haben, dass man „Wichtigeres“ zu tun hat. Wir machen oft Yoga, wenn wir zusammen sind. Von Gégé habe ich gelernt, aufmerksamer und achtsamer zu sein, sich selbst und anderen gegenüber, Menschen, die uns nahestehen.

Über Europa

Géraldine: Nachdem wir nach Deutschland gezogen waren, habe ich mit einer sehr guten Freundin meine Oma in Paris besucht. Meine Freundin und ich haben Deutsch gesprochen. Für meine Oma war es das erste Mal seit dem Krieg, dass sie die Sprache gehört hat. Es hat sie zuerst schockiert, aber vor allem berührt. Nach dem Besuch hat sie mich angerufen und erzählt, wie wunderbar und erstaunlich es doch sei, dass junge Leute heutzutage einfach so Freundschaften haben – über die Grenze hinweg.

Philine: Deutsch-französische Freundschaft ist für mich oft eine Worthülse: ideologisch aufgeladen, abstrakt und auch ein bisschen naiv. Wir müssen sie dringend vor der Diplomatensprache retten und mit Leben füllen – sei es durch unsere Freundschaft, durch Arbeit im anderen Land, einen gemeinsamen Alltag. Oft ist vom Wunsch nach mehr Europa die Rede, aber kein Mensch weiß, was das wirklich für uns bedeuten soll. Lasst uns darüber reden, diskutieren, nicht immer in Klischees verfallen.

Protokoll: Isabell Stettin Fotos: Wilma Leskowitsch und Fabian Fiechter