Ziemlich unzertrennlich

Zwischen Ludwigsburg und dem französischen Montbéliard besteht die älteste Städtepartnerschaft Deutschlands. Wir begeben uns mit einem 2CV auf die Spuren ihrer Geschichte.

Mist! Der Wagen springt nicht an und meine Beifahrerin und ich stecken auf dem Innenhof, des Ludwigsburger Residenzschlosses fest. Ich ziehe den Choke, der eine Extraportion Benzin in den Vergaser spritzt, drehe den Zündschlüssel und spiele mit dem Gas. So wie ich es von früher kenne, als ich einen R4 fuhr, der die gleichen Startschwierigkeiten hatte. An diesem frühlingshaften Mittag sitze ich in einem roten 2CV und der säuft ein zweites Mal ab.

Der „Döschwo“ ist das französischste Auto, das es gibt. Unser Plan ist, mit ihm von Ludwigsburg ins gut 300 Kilometer entfernte Montbéliard zu fahren, die französische Partnerstadt. Wir wollen der besonderen Beziehung der beiden Städte auf den Grund gehen. Meine Mitfahrerin Elfriede Steinwand ist so etwas wie das Partnerstadt-Maskottchen von Ludwigsburg. Die Schulsozialarbeiterin, die seit 15 Jahren im Gemeinderat sitzt, hat fast alle Partnerstädte mit dem Rad besucht: Jevpatorija auf der Krim (2.450 km), Caerphilly in Wales (1.180 km), Nový Jičín in Tschechien (800 km) und Montbéliard. Nur ins amerikanische Saint Charles (7.480 km) ist sie geflogen.

Glück des Zufalls: Marie-Christine Gaillard und ihr Mann Hartmut Schmidt geben Starthilfe

Nun sitzt sie neben mir und versprüht mit ihrem leuchtend roten Pagenkopf und den strahlend blauen Augen eine Lebensfreude, die mir hier in unserem 2CV irgendwie typisch französisch vorkommt. Ich versuche erneut zu starten. Zwei Frauen, die uns schon länger beobachten, treten an unser Autofenster. Es sind Marie-Christine Gaillard und ihre Schwägerin, wie sich wenige Minuten später herausstellt. Madame Gaillard ist in der Nähe von Paris geboren, ihr Mann kommt ursprünglich aus Bad Mergentheim. Das Ehepaar lebt mittlerweile in Salzburg. Sie ist begeistert von dem roten Gefährt, so sehr, dass sie ihren Mann überredet, uns anzuschieben. Durch ihre Hilfe bekomme ich den Wagen endlich gestartet. Symbolträchtiger könnte unsere Reise nicht beginnen!

Es ist 13 Uhr und wir haben vor gegen 18 Uhr in Montbéliard zu sein. Für den nächsten Tag hat sich Elfriede Steinwand mit ein paar Hobby-Önologen, also Weinexperten, verabredet. Während wir über die Landstraße Richtung Freudenstadt knattern, versuchen wir uns über die Städtepartnerschaft zu unterhalten. Es ist aber eher so, dass wir uns anschreien müssen, denn ab einer Geschwindigkeit von 60 Stundenkilometern beherrscht der Fahrtwind den Sound im Innenraum.

Roadtrip-Impressionen

Was ich verstehen kann, ist, dass man sich um den Schüleraustausch oder gegenseitige Besuche von Kultur- oder Sportvereinen nicht kümmern müsse. „Das sind Selbstläufer“, schreit die 62-Jährige. Wichtiger sei die kommunale Zusammenarbeit geworden. Regelmäßig treffen sich Franzosen und Deutsche zu Workshops und diskutieren über wichtige Themen wie Mobilität, Energie oder das Älterwerden der Gesellschaft. Vor Kurzem sei eine Delegation aus Montbéliard angereist, die sich Begegnungsstätten für Senioren angesehen habe. „Ob in Frankreich oder Deutschland, die Probleme von Städten sind ähnlich. Bei der Zusammenarbeit geht es heute mehr darum, voneinander zu lernen“, sagt Elfriede Steinwand jetzt, und sie muss gar nicht mehr schreien, weil wir in Calw zu einem Halt gezwungen sind.

Vom vorderen rechten Kotflügel kommt ein Geräusch, als würde ständig ein Blecheimer hin und her schaukeln. Wir öffnen die Motorhaube, zupfen an verschiedenen Teilen, versuchen liegend auf dem Gehweg von unten aus etwas Auffälliges zu erspähen. Aber wir können nichts finden und fahren weiter, begleitet von der inneren Anspannung, welche Wendung unsere Tour en France wohl nehmen wird.

Idyllische Abfahrt: Vom Aussichtspunkt Zuflucht geht’s hinunter ins Tal.

In Freudenstadt trinken wir einen Kaffee. Es ist schon kurz vor 16 Uhr. Für circa 100 Kilometer haben wir drei Stunden gebraucht! Von nun an gilt es, Kilometer zu machen. Wer jemals von Freudenstadt aus die Oppenauer Steige (auch „Quäl-dich-Pfad“ genannt) in einem 2CV hinaufgefahren ist, weiß, dass wir Träumerinnen sind. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 40 Stundenkilometern schleppt sich unser Mobil mühevoll die kurvige, von Tannen gesäumte Straße hinauf. Auf dem 950 Meter hoch gelegenen Bergkamm angekommen, gönnen wir uns eine kurze Pause. Vor uns liegen Rheinebene und die weichen Hügel der Vogesen, die sich wie Scherenschnitte in Grauschattierungen hintereinander sortieren.

Auf einer Infotafel lesen wir, dass Herzog Friedrich I. von Württemberg die Steige Anfang des 17. Jahrhunderts ausbauen und die erste Poststrecke von Stuttgart nachStraßburg errichten ließ. Friedrich war der Sohn des Grafen von Mömpelgard, wie Montbéliard damals hieß. Nach dem ohrenbetäubenden Aufstieg kommt es uns hier oben unglaublich still vor.

Schlosstor mit Geschichte: Hier ist heute noch das Wappen des Herzogtums Württemberg zu sehen.

Es ist 17 Uhr, als wir in Kehl über die Grenze nach Frankreich fahren. Unsere Route führt uns vorbei an Orten, die deutsche Namen tragen: Kintzheim, Oberhergheim, Illzach. Sie erinnern an das über Jahrhunderte währende politische Hin und Her, das die Elsässer zum Spielball zwischen Deutschen und Franzosen machte. Es wird allmählich dunkel und nach und nach tauchen die Straßenlaternen die Dörfer entlang der Landstraße in ein warmes gelbes Schlummerlicht, so, als würden sie sich aufs Schlafengehen vorbereiten. Auch bei uns macht das Adrenalin allmählich dem Schlafhormon Melatonin Platz. Um kurz vor 21 Uhr erreichen wir endlich unser Hotel in Montbéliard.

Am nächsten Morgen treffen wir Jean-Marc Ehret. Der 75-Jährige gehört zur Gruppe der Hobby-Önologen und ist so etwas wie der Verbindungsmann zwischen den Grünflächenämtern hier und in Ludwigsburg. Wir wollen den ersten und einzigen Weinberg Montbéliards besichtigen. Jean-Marc lotst uns durch enge mittelalterliche Gässchen, vorbei am Schloss, das wie eine Festung im Zentrum von Montbéliard thront. Warum mir das hier alles so schwäbisch vorkommt, erklärt Elfriede Steinwand. Ende des 16. Jahrhunderts beauftragte der damalige Herzog den württembergischen Hofbaumeister Heinrich Schickhardt damit, Mömpelgard auszubauen. Aha!

Thront mitten in der Stadt: Schloss Montbéliard, erbaut von einem Württemberger

Der Weinberg liegt am Rand der Stadt in steiler Hanglage. Vor elf Jahren haben Ludwigsburg und Montbéliard das Projekt begonnen. Die Franzosen stellten das Grundstück bereit, die Württemberger steuerten Trollinger- und Lemberger-Reben bei und mauerten das kleine Gebäude, in dem Werkzeug gelagert wird. Vor zwei Jahren fand die erste Lese statt, die vom Ludwigsburger Weingut Herzog von Württemberg gekeltert wurde. Ein Rotwein und eine Weißwein-Cuvée sind daraus hervorgegangen. Der Freundschaftswein trägt den Namen „Lucien Tharradin“ und erinnert an den Gründer der Partnerschaft.

Gemeinsam mit Philippe Besson, Hervé Demoulin und Michel Nardin lockert Elfriede Steinwand den Boden auf. Auch in diesem Jahr soll es im Herbst eine Lese geben. Von der Städtepartnerschaft haben die Männer erst vor drei Jahren erfahren, als sie zum Projekt gestoßen sind. Ihre Ahnungslosigkeit ist ihnen in Gegenwart der deutschen Gäste ein wenig unangenehm. Aber Jean-Marc findet die richtigen Worte: „Das, was wir hier tun, verbindet die Herzen. Zuerst kommen die Leute und dann die Politik.“

Auf dem Weinberg der Freundschaft: Elfriede Steinwand und Jean-Marc Ehret, im Hintergerund Hervé Demoulin, Michel Nardin, Philippe Besson (v.l.n.r.)

Gegen Mittag steigen wir in unseren 2CV und fahren zurück in die Stadt. An das besondere Fahrgefühl haben wir uns mittlerweile gewöhnt. Nicht aber an die Reaktionen der Fußgänger, Auto- und Motoradfahrer, die uns begegnen. Wenn wir mit unserer roten „Ente“ an ihnen vorbeifahren, lachen sie uns an, winken uns zu und zeigen den hochgestreckten Daumen. Elfriede Steinwand kann gar nicht aufhören sich darüber zu freuen. „Hast du gesehen? Die haben uns angelächelt“, sagt sie immer wieder mit der Begeisterung eines Kindes und winkt jedem und jeder aufgeregt zurück.

Morgen werden wir die Stadt verlassen. Eigentlich wollte Elfriede Steinwand mit dem Zug zurückfahren. Aber sie hat es sich anders überlegt. Sie möchte Frankreich genauso verlassen, wie sie hergekommen ist, weil sonst eine Lücke entstehen würde, sagt sie. Wir sitzen in der Nachmittagssonne in einem Café. Elfriede Steinwand schaut mich kurz schweigend an, als ich sie frage, was sie nach diesen anderthalb Tagen über die Städtepartnerschaft denkt. „Ich fühle mich hier gar nicht fremd, obwohl ich das natürlich bin. Das, was ich jetzt sage, ist vielleicht ein bisschen platt, aber ich sage es trotzdem: Montbéliard ist für mich Heimat, weil es zu Ludwigsburg gehört.“

Reportage: Anette Frisch. Fotos: Markus J. Feger.


Schmerzhafter Beginn einer Freundschaft

1950, nur fünf Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, legten die Bürgermeister Lucien Tharradin (Montbéliard) und Elmar Doch (Ludwigsburg) den Grundstein zu der Städtepartnerschaft. Sie ist damit die älteste deutsch-französische Verbindung in Deutschland. Tharradin kämpfte in der Résistance gegen die Nationalsozialisten, bis er von den Deutschen gefangen genommen und im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert wurde. Dass ausgerechnet der Franzose den Anstoß zu der Städtepartnerschaft gab, zeigt, wie ernst es ihm mit der Versöhnung gewesen sein muss. Die Geschichte der beiden Städte geht aber noch weiter zurück. Von 1407 bis 1793 gehörte Mömpelgard, wie Montbéliard früher hieß, zum Herzogtum Württemberg und wurde als Residenzstadt auch aus Ludwigsburg regiert.