Zukunft als Aufgabe

Von Dr. Felix Heidenreich //

Immer noch gehören Deutschland und Frankreich zu den wohlhabendsten Ländern der Welt. Die Lebenserwartung ist hoch, die soziale Absicherung im internationalen Vergleich immer noch gut. Betrachtet man nur diese abstrakten Zahlen, so könnte man meinen, dass der „déclinisme“, die große Erzählung vom Niedergang Frankreichs, Deutschlands, ja Europas nur ein Märchen sei. Verliert sich Europa in einem Kulturpessimismus, der seine Vorbilder in der Zwischenkriegszeit findet oder sich – wie Michel Houellebecq – bei den Denkfiguren des fin de siècle bedient und dabei nur Klischees über das „alte Europa“ reproduziert?

Europa ist das positive Bild der Zukunft verlorengegangen

Doch der Fokus auf die abstrakten Zahlen läuft Gefahr, den Blick auf die subjektiven Erwartungen zu verstellen. Quelle des aktuellen Unbehagens und der Demokratiefrustration sind nicht nur Krisensymptome der Gegenwart, sondern vor allem der Mangel an positiven Zukunftsvisionen. Für den oder die Einzelne sind die objektiven Zahlen des Arbeitsmarktes irrelevant. Prägend ist das Gefühl, dass die Zukunft immer noch mehr Unsicherheiten bringen wird. Karl Valentins Satz „Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie mal war“, hat einen wahren Kern: Europa ist das positive Bild der Zukunft verlorengegangen.

Nur so lässt sich die defensive Haltung erklären, die die Gesellschaften in Europa prägt. Viele Eltern und Großeltern wünschen sich nicht mehr, ihren Kindern und Enkeln möge es irgendwann besser gehen. Sie hoffen nur noch, der Abstieg ihrer Nachkommen könne verlangsamt werden. Dafür gibt es gute Gründe, die nicht so sehr mit der messbaren Gegenwart, aber umso mehr mit der antizipierbaren Zukunft zusammenhängen.

Diese Zukunft läuft derzeit auf Europa zu wie eine galoppierende Büffelherde. Der Klimawandel, die zunehmende Vermögensungleichheit, die Herausforderung der Migration aus Afrika, die steigende Gefährdung durch den Islamismus, die unabsehbaren sozialen Folgen der Digitalisierung, der neue Nationalismus, der Brexit, der wachsende Rechtsterrorismus – Europa weiß nicht mehr, welches der epochalen Probleme es zuerst bei den Hörnern packen soll.

Die Folge dieser Konstellation wird oft auf die Formel vom „reaktiven Modus der Politik“ gebracht. Spitzenpolitikerinnen und -politiker vermitteln den Eindruck, jeden Anspruch auf aktive Gestaltung aufgegeben zu haben. Der reaktive Modus führt die repräsentative Demokratie als passiv vor, getrieben von den Ereignissen, als ganz und gar planlos.

Gerade deshalb hat die Wahl Macrons in Deutschland eine so große Begeisterung ausgelöst: Hier war endlich jemand, der zumindest den Eindruck vermittelte, ein klares Ziel und einen durchdachten Plan zu haben. Bei Macron lautete die Frage nicht mehr (anders als auf vielen Krisengipfeln in Brüssel): Wie übersteht die EU oder der Euro die nächsten Tage?, sondern Wo wollen wir hin? Wie wollen wir leben?

Will man verstehen, warum der deutsch-französischen Zusammenarbeit eine Schlüsselrolle zukommt, sollte man, so finde ich, das gemeinsame europäische Projekt in diesen Kontext einer Wiedergewinnung von Zukunftsgestaltung rücken. Eine Zukunft, die wir nicht gestalten, sondern die einfach auf uns zukommt, ist demokratiegefährdend. Demokratien stabilisieren sich nicht nur durch ihre Leistungen, sondern über das Versprechen, dass die Zukunft mehr als bloßes Schicksal ist. Es mag seltsam klingen, aber Zukunft ist etwas, das die Gesellschaft aktiv entwerfen und möglichst konkret entwerfen muss.

Zukunft als Aufgabe

Dies setzt allerdings den Mut voraus, klare Ziele zu formulieren, harte Entscheidungen zu treffen und das Risiko des Scheiterns einzugehen. Dazu muss die Politik formulieren, welches Leitbild einer Gesellschaft eigentlich erwünscht ist. Denkt man Politik in diesem Sinne von einem Ziel her, nicht als bloße Optimierung des Defizitären, so muss man Überzeugungsarbeit leisten. Schon seit 1998 gilt in Schweden die „Vision Zero“ als Leitstern, die Utopie eines Verkehrs mit Null Verkehrstoten. Dieses Ziel klingt vielleicht verrückt, aber es hilft, Argumente und Optionen zu sortieren.

Eine Politik, die in diesem Sinne ehrgeizig ist, macht sich indes angreifbar. Wenn man, wie in Frankreich, die Zahl der Verkehrstoten massiv senken will, muss man bereit sein, den Preis zu zahlen: Geschwindigkeit beschränken, Verkehrserziehung verbessern, Landstraßen umgestalten. Das provoziert Widerstand. Aber ist das nicht eine lohnenswerte Utopie, in einer Gesellschaft zu leben, in der nicht mehr, wie in Deutschland, jedes Jahr rund 3.000 Menschen im Verkehr sterben? Schon eine Halbierung der Zahlen würde unendliches Leid vermeiden.

Versteht man den Anfang des Jahres in Aachen unterzeichneten neuen Elysée-Vertrag als Versuch, eine positive Vision von Zukunft zu konkretisieren, so stellt er sehr viel mehr als eine große Geste dar. Der Vertrag enthält, ähnlich wie die 2010 gemeinsam verabschiedete „Deutsch-französische Agenda 2020“, alle wichtigen Themen und Herausforderungen. Dies wäre aus meiner Sicht die eigentliche Pointe der deutsch-französischen Kooperation: der Anspruch, politische Gestaltungskraft wiederzugewinnen, nicht nur zu reagieren, sondern zu agieren. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, Nägel mit Köpfen, Ziele mit Zahlen, Utopien mit Konkretion zu machen und eine Vision für die Zukunft Europas zu entwerfen. On y va!


Zur Person

Dr. Felix Heidenreich ist wissenschaftlicher Koordinator am Internationalen Zentrum für Kultur und Technikforschung (IZKT) der Universität Stuttgart. Er ist Träger der Palmes académiques, eine der höchsten Auszeichnungen Frankreichs für Verdienste um das französische Bildungswesen.